Buchtipp: Patient im Visier

Die Autoren beginnen mit einer Schreckensmeldung: „Harte Zeiten für die Pharmakonzerne“. Der Grund: Jahrzehntelange erprobte Werbestrategien für rezeptpflichtige Medikamente – eine Einladung an Ärzte zu einem Luxuswochenende in der Schweiz oder das Beschenken besuchter niedergelassener Mediziner mit DVD- Player oder iPod – bringen nicht mehr die gewohnten Umsatzsteigerungen. Skandale und Gerichtsverhandlungen mit Verurteilungen von Ärzten wegen Vorteilsnahme haben das Werbeklima deutlich abkühlen lassen.Doch die Marketingrecherchen der Pharmahersteller fanden bald eine deutlich bessere Möglichkeit; unter bewusster Umgehung des EU- weitem Werbeverbots für rezeptpflichtige Arzneien werden die realen und vermutlichen Kranken direkt angesprochen. Das Buch Patient im Visier der sehr exakt recherchierenden Journalisten Caroline Walter und Alexander Kobylinski beschreibt detailliert, mit welchen Methoden die Pharmaindustrie unter geschicktem Einsatz der Neuen Medien Kranke manipuliert und Umsätze steigert.

Die beiden Autoren sind erfindungsreich, wenn es um das Sammeln der oft verschleierten Informationen geht. Unter anderem gründen Sie eine fiktive Pharmafirma, die angeblich ein neues Medikament gegen die Alzheimer- Erkrankung in Deutschland auf den Markt bringen will. Zunächst versuchen sie direkte Kontakte zu den Redaktionen von Publikumszeitschriften – ohne Erfolg. Ganz anders sieht es aus, als sie Gespräche mit einer Pharmaagentur führen: Bei einem in Aussicht gestellten Werbeetat von 1 Million Euro und einem 10- prozentigen Honorar für die Agentur sprudeln die konkreten Vorschläge für ein – gesetzewidriges – product placement in den redaktionellen Bereichen der Medien nur so. Die Buchautoren nennen stets Ross und Reiter: Für eine vierseitige redaktionelle Berichterstattung in der Wochenschrift Bunte müsse man mit einem Vorlauf von zwei bis drei Monaten rechnen bei Kosten von 30.000 € – genannt Druckkostenzuschuss. Dafür gebe es aber auch noch einen bekannten Professor, der das Medikament in der Zeitschrift mit Namen nenne, obendrauf. Andere Zeitungen verlangten zwischen 8.000 und 10.000 €. Schnell steht ein Angebot für eine Veröffentlichungswelle mit Zeitschriften, Tageszeitungen und den beim Zielpublikum wie der Pharmaindustrie so beliebten Telefonaktionen im Raum; bei diesen stehen von der Pharmafirma bezahlte Experten für die Fragen der Leser zur Verfügung. Der Auftraggeber, die im Falle der Autoren fiktive Firma, bleibt dabei völlig im Hintergrund und entzieht sich so meist juristischer Verfolgung. Auch TV- Sendungen seien machbar – für 48.000 € gebe es 24 Minuten redaktionelle Werbung für das Medikament.

Die neuen Medien werden von den Arzneimittelherstellern sehr gezielt eingesetzt. Immer mehr Patientenportale laden Kranke ein, sich genaue und detaillierte Informationen – natürlich kostenfrei – zu beschaffen. Da gibt es Seiten wie www.leben-mit-ms.de, wo sich an Multipler Sklerose Erkrankte Rat und Tat erhoffen. Neben einer Fülle allgemeiner Informationen gibt es auf solchen Seiten dann stets Empfehlungen für ein Medikament. Finanzier der Seite: Die Herstellerfirma.Dass Wirkungen breit und Risiken wenig oder nicht dargestellt werden, versteht sich

Mit diesen Informationen bewaffnet macht sich der informierte Kranke dann auf den Weg zum Arzt. Rät ihm dieser – zum Beispiel aufgrund schwerer Nebenwirkungen oder ungesicherter Studienlage – von der Einnahme ab, ist es kein Problem; der nächste Arzt wartet und wird es verschreiben, der Umsatz der Herstellerfirma ist gesichert.

Die angeblich so intensiv forschende Pharmaindustrie hat in den letzten Jahren einen deutlichen Wandel in den Entwicklungsschwerpunkten vollzogen. Die Forschung zur Entwicklung von Substanzen zur Behandlung von Volkskrankheiten wurde weitgehend aufgegeben. Dafür kommen immer mehr Pharmaka mit zweifelhafter Wirksamkeit und oft riesiger Nebenwirkungswahrscheinlichkeit auf den Markt, die Erleichterung bei chronisch fortschreitenden oder zum Tode führenden Erkrankungen bieten sollen. Die Multiple Sklerose, die Alzheimer- Demenz oder fortgeschrittene Tumorerkrankungen sind ebenso Beispiele wie Depressionen. Neuentwicklungen werden zu abenteuerlichen Preisen auf den Markt gebracht, oft unzureichend getestet, wie unabhängige Sachverständige im Buch bestätigen. Wegen oft tödlicher Nebenwirkungen verschwinden diese Medikamente dann nach einigen Jahren wieder; der Konzern hat sein Geschäft längst gemacht. Als eins von vielen Beispielen wird im Buch das Rheumamittel Vioxx genannt.

Das Deutsche Grüne Kreuz ist eine vielzitierte Instanz in Sachen Krankheitsbehandlung. Bei einem eingetragenen gemeinnützigen Verein mit einem an das Rote Kreuz erinnernden Namen darf man doch auf sachliche Aufklärung hoffen? Nach Recherchen der Buchautoren ist die Pharmaindustrie über Sponsoring erheblich involviert.

Selbsthilfegruppen, Patientenseminare oder -kongresse – die Kreativität der Pharmaindustrie ist unerschöpflich, wenn es um die werbemäßige Beeinflussung der Patienten geht. Und ist gerade die passende Krankheit für das bereits existierende Medikament nicht vorhanden, so wird sie erfunden: Von der Erektilen Dysfunktion über das chronic fatigue syndrome bis zum aging male syndrome werden zum Medikament passende Krankheiten erschaffen. Die Werbetexter erfinden dann den Helden der Liebe, und jeder Konsument weiß, dass es zum die rautenförmige blaue Pille geht, die Männer stark macht. Die Marktplätze der Republik werden mit futuristischen mobilen Wandelobjekten zum Thema medikamentöse Therapie bestückt. Ein von den Autoren genanntes Beispiel berichtet von einem Patiententestverfahren zum Thema Demenz: Die recherchierenden (jungen) Journalisten beantworteten die am Computer gestellten Fragen wahrheitsgemäß. Das Ergebnis: Sie sollten sich dringend wegen Demenzverdacht in Behandlung begeben.

Es werden Krebsmedikamente, die bei fortgeschrittenen Tumoren die Überlebenszeit drastisch verlängern sollen – zu monatlichen Therapiekosten von 60.000 € – vorgestellt. Die vom Hersteller für die amtliche Zulassung eingereichten Studien lassen goldene Zeiten für diese verzweifelte Patientengruppe erwarten. Unabhängige Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass man von einer allenfalls 14- tägigen längeren Überlebenszeit reden könne – bei unerträglicher Einschränkung der Lebensqualität durch die Nebenwirkungen.

Die Autoren recherchieren auch bei der EU in Brüssel und bei der Zulassungsstelle für neue Medikamente in Berlin. Sie besuchen auch ein Seminar für Pharmalobbyisten, die gezielt auf ihre Arbeit mit den deutschen Politikern vorbereitet werden.

Den Abschluss des Buches bildet die Schweinegrippe und die Taktiken der Industrie in diesem Fall. Zunächst wurden die Landesregierungen per Email unter Druck gesetzt, riesige Menge des wegen der vielfach aufgetretenen Resistenzen der Grippeviren weitgehend unwirksamen Medikamentes Tamiflu auf Kosten der Steuerzahler zu kaufen. Dann wurde im Schnelldurchgang ein zweifelhafter Impfstoff entwickelt, der aufgrund eines umstrittenen Wirkverstärkers und eines quecksilberhaltigen Konservierungsmittels nicht empfehlenswert war. Doch die staatlichen Stellen kauften riesige Mengen ein; da sich in diesem Fall die Patienten in der Mehrzahl nicht für diese Impfung entschieden, blieb die Regierung auf riesigen Mengen Impfstoff sitzen. Der Versuch, wie weiterzuverkaufen, scheiterte. Pikantes Detail der im Ausschnitt zitierten Verträge der Regierung mit dem Hersteller: Der Hersteller wurde von möglichen Schadensersatzansprüchen freigestellt!

Fazit:

Dieses gut, locker und verständlich geschriebene Buch ist ein Muss für jeden, der objektive Informationen sucht – ob Patient, Arzt oder Politiker.

Caroline Walter, Alexander Kobylinski
Patient im Visier
Die neue Strategie der Pharmakonzerne

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Hoffmann und Campe (28. Mai 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3455501516
  • ISBN-13: 978-3455501513
  • Größe: 20,8 x 13,2 x 2,4 cm
  • Preis: 17,00 €

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Kommentar

Der Rezensent dieses Buch ist niedergelassener Allgemeinarzt und konnte bei dieser Tätigkeit früh und intensiv mit den Werbestrategien der Pharmaindustrie Bekanntschaft machen. Kurz nach der Niederlassung im Jahre 1982 tauchten freundliche Pharmareferenten in der Praxis auf. Sie brachten Kugelschreiber mit Werbeaufdruck mit, Notizblöcke und Kalender – als „Gegenleistung“ für ein kurzes Gespräch, in dem die enormen Vorteile irgendeines Medikamentes geschildert wurden.

Irgendwann erfolgte eine Einladung zu einem „Kongress“ in die Hansestadt Hamburg, veranstaltet von einer Pharmafirma, die den Namen mit einem in St. Pauli gebrauten Bier gemein hat. Im edlen Sternehotel nahe beim Jungfernstieg waren die Vortragsräume gut gefüllt, als von dem Konzern bezahlte Redner die Vorteile eines neuen Medikamentes wortreich und mit einer Vielzahl projezierter Diagramme verkündeten. Es folgte eine Diskussion, und dann schloss sich das „Rahmenprogramm“ an. Dem Rezensenten ist nicht mehr erinnerlich, ob es eine Musicalaufführung oder ein Theaterbesuch war; selbstverständlich zahlte die Pharmafirma die Eintrittskarten und auch die nachher reichlich angebotenen alkoholischen Getränke.

Da dem Berichterstatter nicht nach einem Vollrausch zumute war, setzte er sich in eine Nische des Hotelrestaurants und las in einem Buch. Langsam torkelten die Kollegen an ihm vorbei – einem seligen Schlafe entgegen. Irgendwann war das große Restaurant nahezu leer; nur am Nachbartisch – optisch getrennt durch eine Blumenrabatte – versammelten sich die betreuenden und selbstverständlich nüchternen Pharmareferenten zur Lagebesprechung. Der Rezensent legte sein Buch zur Seite, als er unfreiwillig zum Mithörer wurde. Akribisch wurden die eingeladenen Ärzte analysiert, gewonnene Informationen verglichen, Persönliches öffentlich gemacht, ob die Zahl der Kinder oder der Namen der illigitimen Freundin. Es wurden Prognosen abgegeben, inwieweit und mit welchen Mitteln der einzelne Arzt zu einem verbesserten Verordnungsverhalten zugunsten der einladenden Firma bewegt werden können. Der staunende unfreiwillige Zuhörer erfuhr, wie er und seine Kollegen in bezug auf das Marketingpotenzial eingestuft wurde, wo Druck, wo Belobigung oder Einladung erfolgversprechender sei.

Der Rezensent verließ das Restaurant, ging auf sein Zimmer, packte seinen Koffer und fuhr noch in der Nacht – auf eigene Kosten – nach Hause. In der Praxis untersagte er von Stund‘ an jeglichen Besuch von Pharmavertretern, nahm keine der Einladungen zu den zunächst noch reichlich, später seltener eintreffenen Werbeveranstaltungen mehr an.

Der Lohn: In nunmehr fast 30 Jahren brauchte er nie einen Patienten anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass dass noch eben angepriesene Wundermittel leider wegen tödlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen werden musste. Kommt ein neues Medikament auf den Markt, so informiert er sich zunächst ein Jahr lang in unabhängigen Quellen über Wirkungen und Nebenwirkungen, bevor er den Einsatz bei seinen Patienten erwägt. In der gesamten Zeit der praktischen Arbeit an der Medizinfront hat es noch kein Medikament gegeben, dessen Nutzen im Vergleich zu seinen Vorgängern so groß war, dass ein solches Abwarten ethisch nicht vertretbar gewesen wäre.

Auch zu ihm kommen Kranke, die in der Zeitung von einem neuen Wundermittel gelesen haben. Wenn er ausführlich begründet, warum er dieses Medikament noch nicht einsetzen möchte, verstehen dies seine Patienten – je länger er dies praktiziert, um so eher, denn viele derart Beratene konnten später in denselben Zeitschriften, aber in deutlich kleinerer Schrift, lesen, dass das Wundermittel entzaubert worden war …..

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